Innenverteidiger - Der moderne Spielmacher [Teil 1/2]




Der Spielaufbau im Fussball kann gegen einen gut organisierten Gegner sehr anspruchsvoll sein. Speziell im Spitzenfussball werden die Räume in der Nähe des Balles, mit Hilfe von hohen Laufintensitäten und klaren Verteidigungsstrategien, sehr eng gestaltet. Deshalb werden auch oftmals lange Passstafetten oder gewonnen 1 gegen 1-Situationen benötigt, nur um etwas Raum zu gewinnen. Auch deswegen entstanden in den letzten Jahren Strategien im Positionsspiel um den Spielaufbau zu erleichtern und auch gut organisierte „Abwehrbollwerke“ vor Probleme zu stellen.

Ein Lösungsansatz beim Positionsspiel des Aufbauspiels ist die dynamische Interpretation von Positionen - Sechser, die zwischen die Innenverteidiger abkippen, Flügelspieler oder Aussenverteidiger, die sich von der Aussenbahn in den Halbraum lösen oder Stürmer, welche sich in die Lücken hinter der gegnerischen Mittelfeldreihe bewegen.

Die zentrale Rolle im Spielaufbau

Lediglich eine Position im Spielaufbau bleibt weitestgehend statisch – die Position des Innenverteidigers. Der zentrale Verteidiger ist fast immer der Ausgangspunkt des Spielaufbaus. Aus der zentralen, zurückgezogenen Position leiten die Verteidiger das Aufbauspiel ein. Die Innenverteidiger geben damit die ersten Impulse, bestimmen das Tempo, entscheiden darüber in welche Richtung das Spiel gelenkt wird und gestalten damit massgeblich das Aufbauspiel des eigenen Teams.

Aus diesem Grund genügt es als Innenverteidiger im modernen Fussball nicht nur ein Defensivspezialist zu sein. Nicht der 10er, sondern der zentrale Verteidiger ist der eigentliche Spielmacher im modernen Fussball. Dementsprechend hat sich in den letzten Jahren auch das Anforderungsprofil des Innenverteidigers auch enorm erweitert.

Spezialist für weiträumige Pässe

Eine wesentliche Fähigkeit, welche du als Innenverteidiger heutzutage mitbringen sollte, ist ein präzises Passspiel. Denn zusammen mit den Sechsern bist du in aller Regel der Spieler, welche die meisten Pässe innerhalb von 90 Minuten spielt. Dies liegt vor allem an deiner zentralen, zurückgezogenen Positionierung im Spielaufbau. Diese Position im Aufbauspiel macht dich zum Ausgangspunkt von fast jedem Spielaufbau und zu einer wesentlichen Anspielstation für Rückpässe oder Zwischenstation für Spielverlagerungen. Dadurch wirst du innerhalb eines Spiels eine Vielzahl von Pässen spielen.

Einige dieser Pässe spielst du als Innenverteidiger über mittlere und weite Distanzen, da dein Team das Feld im Aufbauspiel besonders breit sowie tiefe macht und du als Innenverteidiger etwas zurückgezogen agierst. Dies führt zu grossen Abständen zu deinen Mitspielern sowie den anderen Mannschaftsteilen und folglich zu längeren Passwegen.

Die Passdistanzen werden besonders dann sehr lange, wenn du Mitspieler oder sogar Mannschaftsteile überspielt. Möchtest du das Spiel beispielsweise auf den ballfernen Aussenverteidiger verlagern, kannst du den zweiten Innenverteidiger einfach überspielen, wenn das Risiko eines Fehlpasses dabei nicht zu gross ist. Durch die „eingesparte“ Zwischenstation wird die Spielverlagerung beschleunigt und es wird mehr Raum auf der angespielten Seite gewonnen – vorausgesetzt du spielst den Ball mit ausreichend Schärfe und Präzision.

Starker Stoss zum Aussenverteidiger, dargestellt auf einem zweidimensionalen Fussballfeld

Da der Passweg von dir zu dem Aussenverteidiger auf der ballfernen Seite jedoch sehr weit ist, reicht die Stosskraft eines Innenseitstosses für das Zuspiel nicht aus – zumindest, wenn der Ball mit Tempo bei deinem Mitspieler ankommen soll, wodurch die Spielverlagerung zu einem Raumgewinn führt.

Damit der Ball scharf genug beim dem Aussenverteidiger ankommt, spielst du den Ball mit dem Innenspann. Mit dieser Stosstechnik kannst du flache, präzise und zugleich druckvolle Pässe spielen.

Trainiere deinen Innenspannstoss als Innenverteidiger deshalb regelmässig, beispielsweise mit dieser Übung:

 


Diagonale Flugbälle

Den Innenspannstoss kannst du aber nicht nur für flache Pässe, sondern auch hervorragend für hohe Zuspiele nutzen - speziell für diagonale Flugbälle.

Diese Bälle bieten sich besonders dann an, wenn der Gegner sehr hoch steht und somit viel Raum im Rücken der gegnerischen Viererkette vorhanden ist. Raum, welchen du als Innenverteidiger sehr gut mit einem Innenspannstoss bespielen kannst.

Hohes Zuspiel aus der Innenverteidigung heraus, dargestellt auf einem zweidimensionalen Fussballfeld
Spiele den Ball dabei diagonal auf die Aussenbahnen hinter die gegnerische Kette, da vertikale, lange Bälle mit grosser Sicherheit vom gegnerischen Torhüter abgefangen werden. Deine diagonalen Flugbälle werden besonders dann effektiv, wenn…
  • ...du die Bälle mit Unterschnitt spielst. Dadurch wird der Ball nach dem ersten Bodenkontakt etwas gebremst und springt nicht zu weit weg oder direkt ins Aus. Treffe den Ball unterhalb der Mitte, um diesen mit Unterschnitt zu spielen.

  • ...den Ball ohne Effet spielst. Bei Hereingaben und Abschlüssen mit dem Innenspann kann es durchaus sinnvoll sein den Ball mit „Schnitt“ zuspielen. Dadurch kannst du beispielsweise einen Gegenspieler umspielen oder die Flanke vom Torwart wegdrehen. Bei Flugbällen ist Effet dagegen nicht wirklich brauchbar, da der Passempfänger die Flugkurve schwerer einschätzen kann und der Ball schwerer zu verarbeiten ist. Schwinge das Stossbein nicht durch und treffe den Ball mittig und nicht aussen, um diesen ohne Effet zu spielen.

  • ...du bereits vor Spielbeginn dem Spielfelduntergrund Beachtung schenkst – Spielt ihr auf Rasen oder Kunstrasen? Ist Rasen frisch gemäht oder schon einige Zentimeter hoch? Ist das Spielfeld trocken oder nass? Um vor allem – Wie verhält sich der Ball auf diesem Untergrund?

  • ...du den Ball nicht höher als nötig spielst. Dein Flugball sollte zwar über die gegnerische Kette gehen aber nicht unnötigerweise in einem besonders hohen Bogen gespielt werden. Denn dadurch ist der Ball nur unnötig lange unterwegs und der Gegner hat mehr Zeit um sich nach hinten abzusetzen. Die Flugkurve des Balles kannst du über deine Oberkörperposition steuern. Gehe mehr in Rücklage und treffe den Ball tiefer, wenn dieser höher fliegen soll. Wenn der Ball aber etwas flacher fliegen soll, kannst du diesen etwas weiter oben aber immer noch unterhalb der Mitte treffen.

  • ...du diese regelmässig trainierst. Am effektivsten wird das Trainieren des Flugballes, wenn du den Ball einmal vorlegst und erst dann spielt, denn im Spiel wirst du eher selten ruhende Bälle spielen. Damit das Training wirklich spielnah und somit effektiv wird, solltest du den Ball also immer aus der Bewegung spielen.

  • ...den Ball möglichst ansatzlos spielst. Bereitest du einen Flugball mit 3 oder 4 Kontakt vor und suchst dabei immer wieder den Blick in die Tiefe, erkennt dein Gegner recht schnell dein Vorhaben. Dadurch hat die gegnerische Kette genug Zeit sich nach hinten abzusetzen und den Flugball abzufangen. Orientiere dich deshalb bereits vor dem 1. Kontakt vor und „scanne“ die Anspielstationen in der Tiefe. Mit der Ballmitnahme bereitest du den Flugball dann bestmöglich vor, um den Ball bereits mit dem 2. Kontakt auf den Flügel zu spielen.

Damit du möglichst wenig Zeit brauchst, um einen Flugball oder auch einen anderen Pass zu spielen, solltest du an deiner Vororientierung und deinem 1. Kontakt arbeiten. Dabei helfen dir diese Übungen:

 

Das Dribbling als Innenverteidiger

Nachdem der Fokus bisher vor allem auf dem Passpiel und dem 1. Kontakt des Innenverteidigers lag, schauen wir uns jetzt die Anforderungen an das Dribbling eines Innenverteidigers an.

Als zentraler Verteidiger und letzter Mann wirst du eher selten das 1 gegen 1 suchen. Jedoch kannst du als Innenverteidiger zum richtigen Zeitpunkt deinen Gegenspieler auch mal überraschend ins Leere laufen lassen.

Läuft dein Gegenspieler dich beispielsweise im Bogen an, um den Passweg zu dem ballnahen Aussenverteidiger zu verstellen, kannst du eine Passfinte einsetzen. Dafür drehst du deine Körpervorderseite mit der Ballannahme zum Aussenverteidiger und deutest mit dem Ausholen deines Fusses einen Pass zu dem äusseren Verteidiger an. Dein Gegenspieler wird sich noch weiter in den Passweg zwischen dich und den Aussenverteidiger bewegen, um das mögliche Abspiel abzufangen. Aber anstatt den Pass zu spielen, nimmst du den Ball mit einem explosiven Antritt nach vorne mit.

Hin und wieder musst du als Innenverteidiger aber auch unfreiwillig dein Fähigkeit bei der Ballführung unter Beweis stellen. Beispielsweise wenn du in eine Spielsituation geraten bist, in welcher du einen Angreifer hinter dir hast, du mit dem Rücken zur Spielrichtung agieren musst und kein Mitspieler anspielbar ist – weder der Torhüter noch ein Feldspieler.

In diesem Fall heisst es als Innenverteidiger die Ruhe zu bewahren. Führe den Ball mit dem gegnerfernen Fuss und schirme diesen gut von deinem Gegenspieler ab. Wenn du den Körper beim Dribbling zwischen Ball und Gegenspieler hältst, wird er kaum eine Chance haben den Ball zu erobern.

Nach weniger Sekunden ergibt sich womöglich wieder eine Anspielstation oder eine Möglichkeit sich von dem Gegenspieler zu lösen. Ganz zu Not ist es aber auch eine legitime Lösung den Ball ins Seitenaus zu klären, wenn du dich gar nicht aus der Situation befreien kannst.

Doch ganz unabhängig davon, wie sich eine solche Drucksituation als Innenverteidiger entwickelt, gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht unruhig zu werden – auch wenn ein Ballverlust auf dieser Position oftmals gefährlich werden kann. Damit du dich von solchen Situationen nicht verunsichern lässt, ist es hilfreich an deiner mentalen Einstellung zu arbeiten, um auch unter Wettkampfbedingungen frei aufspielen zu können.

Wie du mental stark wirst und jede Situation selbstbewusst meisterst, erfährst du hier:

Ausblick

In diesem Blogbeitrag hast du gelernt, wie du den Spielaufbau als Innenverteidiger erfolgreich gestalten kannst und in Drucksituationen selbstbewusst agierst. Im 2. Teil zum Thema Innenverteidiger erfährst du mehr über das Defensivspiel dieser Position. Du wirst hilfreich Tipps bekommen, um...

  • ...deine Gegenspieler durch ein geschicktes Stellungsspiel aus dem Spiel zu nehmen.
  • ...deinen Gegenspielern durch ein robustes und cleveres Zweikampfverhalten jeden Ball abzunehmen.
  • ...dein Kopfballspiel zu perfektionieren und dich in Zweikämpfen in der Luft durchzusetzen.



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