Sechser (ZDM) - Pressingresistenz, Freilaufverhalten und Vororientierung




Die Position des Sechsers (Zentral defensiver Mittelfeldspieler ZDM) ist der Dreh- und Angelpunkt im Fussballspiel. Aufgrund der zentralen Position in der Breite als auch in der Tiefe ergeben sich viele Passwege zu den anderen Mittelfeldspielern und Mannschaftsteilen – der defensive Mittelfeldspieler ist im Spielaufbau ein zentrales Bindeglied zwischen Abwehr und Mittelfeld. Er unterstützt die Aussenverteidiger beim Kombinationsspiel, setzt die Flügelspieler mit Schnittstellenpässen oder Spielverlagerungen in Szene oder dient als Anspielstation für Stürmer, die mit dem Rücken zum Tor agieren.

Spielertypen

Der Sechser scheint überall auf dem Platz Einfluss auf das Spiel der eigenen Mannschaft zu nehmen. Dies tut er jedoch auf teilweise sehr unterschiedliche Art und Weise, denn die Position des defensiven Mittelfeldspielers kann sehr unterschiedlich interpretiert werden. Die Umsetzung der Rolle eines Sechsers hängt ganz von den Vorgaben des Trainers und deinen Fähigkeiten ab. Dabei lassen sich die Sechser grob in 3 Spielertypen mit unterschiedlichen Aufgaben und Räumen, für welche diese zuständig sind, unterscheiden:

1. Box-to-Box-Player

Wie der Name bereits erahnen lässt, agiert der Box-to-Box-Player von Strafraum zu Strafraum. Er bearbeitet das komplette Spielfeld in vertikaler Richtung. Dieser Typ eines defensiven Mittelfeldspielers sucht den Sprint in den Rücken der Abwehr, besetzt bei Hereingaben den Strafraum und beteiligt sich sehr stark an Aktionen im letzten Drittel. Gleichzeitig wird der „Box-to-Box-Player“ aber auch seinen defensiven Aufgaben gerecht und sorgt für Stabilität in der wichtigen Spielfeldmitte. Aktuell einer der besten Box-to-Box-Player ist daher beispielsweise N'Golo Kanté vom FC Chelsea.

Als „Box-to-Box-Player benötigst du deshalb eine ausserordentlich gute Ausdauer:


2. Abräumer

Der reine Abräumer, welcher sich nur auf das Spiel gegen den Ball konzentriert, ist weitestgehend ausgestorben. Ein defensiver Mittelfeldspieler muss sowohl im Offensiv- als auch im Defensivspiel Qualitäten mitbringen. Nichtsdestotrotz gibt es nach wie vor Sechser (am ehesten zum Beispiel Casemiro von Real Madrid), deren Hauptaugenmerk auf dem Erobern von Bällen liegt. Die Verantwortungen dieser Sechser beim Spiel gegen den Ball können beispielsweise das Absichern von Kontern, das Schliessen von Lücken zwischen 2 Linien oder das permanente Besetzen des zentralen Raums vor der Abwehr sein.

3. Abkippende Sechser

Für viele Spieler, speziell die Aussenbahnspieler, bedeutet der eigene Ballbesitz, dass eine Reihe nach vorne geschoben wird. Etwas anders sieht es beim „abkippenden Sechser“ aus. Dieser Spielertyp lässt sich beim Spiel mit dem Ball sogar eine Reihe nach hinten fallen. Der „abkippende“ Sechser unterstützt die Innenverteidiger auf der ersten Linie beim Spielaufbau. Dafür lässt sich der Sechser zwischen oder auch neben die zentralen Verteidiger fallen, um ein Überzahl zu erzeugen. Agiert der Gegner beispielsweise mit 2 Spitzen und das eigenen Team mit 2 Innenverteidigern, wird durch einen abkippenden Sechser aus einem 2 gegen 2 ganz schnell eine 3 gegen 2 Überzahlsituation.

Grafik der abkippenden Sechser Position, der sich eng an die eigenen Innenverteidiger hält.



Dieser Blogbeitrag hilft dir als abkippender Sechser das Spiel eurer Mannschaft zu gestalten: Innenverteidiger – der „moderne“ Spielmacher

In eine offene Stellung kommen

Wie bereits erwähnt lässt sich der (abkippende) Sechser zwischen oder seitlich neben die Innenverteidiger fallen, um den Spielaufbau anzukurbeln. In dieser zurückgezogenen Position bist du als Sechser problemlos in einer offenen Stellung anspielbar. Wenn du jedoch das Mittelfeld hältst und dich nicht auf Höhe der Abwehr fallen lässt, hast du es deutlich schwerer offen zur Spielrichtung eingesetzt zu werden.

Im Spielaufbau hast du als Sechser eigentlich immer einen Gegenspieler im Rücken. Folglich kannst du nach einem Zuspiel eines Innenverteidigers den Ball nur zurück passen oder das riskante 1 gegen 1 mit dem Rücken zum Gegenspieler suchen. Ein Ballverlust in deiner Position kann im Spielaufbau grosse Probleme verursachen, da der Ball in zentraler Position ist und die Abstände im Aufbauspiel sehr gross sind.

Es gibt als Sechser jedoch einfachere und sicherere Möglichkeiten als das 1 gegen 1 mit dem Rücken zum Tor, um mit dem Ball in Spielrichtung agieren zu können. Dabei spielt vor allem deine Bewegung ohne Ball eine wesentliche Rolle.

Das Anbieten gegen die Verschieberichtung

Fast intuitiv laufen viele Sechser immer auf den ballbesitzenden Innenverteidiger des eigenen Teams zu. Bewegst du dich als Sechser mit der Bewegung des Balles, läufst du auch immer parallel zu deinem Gegenspieler.  Dadurch bist du zwar immer in unmittelbarer Nähe des Balles aber auch leicht zu decken und folglich nicht offen zur Spielrichtung anspielbar. Zusätzlich ziehst du mit diesen Laufwegen auch immer Gegenspieler in die vertikalen Passwege deiner Innenverteidiger, wodurch das Spiel in die Tiefe erschwert wird.

Anstatt dich mit dem Ball zu bewegen, kannst du dich in der entgegengesetzten Richtung anbieten. Du folgst also nicht der Verschiebebewegung deines Gegners sondern bietest dich auf der ballfernen Seite an. Spielt dich der Innenverteidiger nach dem Absetzen gegen die Verschieberichtung des Gegners an, kannst du den Ball offen zur Spielrichtung mitnehmen und den Raum auf deine Seite nutzen.

Grafik eines Mittelfeld-Verhaltens entgegen der Ballrichtung

Ballnah geht, ballfern kommt

Wenn du nicht alleine im defensiven Mittelfeld spielst, kannst du dein Freilaufverhalten auf den 2. Sechser abstimmen. Dies wird dir helfen, um offen zur Spielrichtung ins Spiel zu kommen.

Wenn dein Mitspieler auf der Sechserposition auf der ballnahen Seite ist, kann dieser den Laufweg in die Tiefe suchen. Damit wird der zweite defensive Mittelfeldspieler in deinem Team seinen Gegenspieler mitziehen. Die dadurch entstandene Lücke in der gegnerischen Mittelfeldreihe kannst du als ballferner Sechser dann sehr gut belaufen. Du musst dem Innenverteidiger nicht frontal entgegenkommen, sondern kannst dich in einer seitlichen Bewegung anbieten. Dies hilft dir, dich leichter von deinem Gegenspieler zu lösen und den Ball nach vorne mitzunehmen.

Grafik des möglichen Zusammenspiels von zwei defensiven Mittelfeldspielern

Steil-Klatsch-Spiel

Du hast als Sechser die besten Möglichkeiten offen angespielt zu werden, wenn beim Spielaufbau eine Reihe überspielt wird - vorausgesetzt du rückst nach dem Pass in die Tiefe sofort und im höchsten Tempo nach.

Hat beispielsweise einer eurer beiden Innenverteidiger den Ball, kannst du die Mitte halten anstatt dem zentralen Verteidiger entgegenzukommen. Dadurch bindest du deinen Gegenspieler im Zentrum und ziehst diesen nicht in den Halbraum.

Damit schaffst du ideale Voraussetzungen für euren Innenverteidiger, den Ball direkt in die Tiefe zu spielen. Ist die Lücke im Halbraum gross genug, kann der Innenverteidiger den Ball direkt zu einem Angreifer passen.

Dieser wird mit grosser Sicherheit ebenfalls einen Gegenspieler im Rücken haben, weshalb der Stürmer eine Anspielstation für einen Klatschball benötigt. In dieser Situation kommst du ins Spiel. Sobald du überspielt wurdest, gehst du dem Ball sofort nach und hängst deinen Gegenspieler ab. Der Stürmer kann den Ball einfach auf dich ablegen und du kannst mit dem Blick zum gegnerischen Tor sofort agieren.

Grafik wie ein Sechser den Passraum von der eigenen Innenverteidigung in den Sturm öffnen kann

Diese Video wird dir helfen dich explosiv von deinem Gegenspieler zu lösen:

Pressingresistenz

Mithilfe dieser Formen des Freilaufens wird es dir als Sechser gelingen offen zur Spielrichtung eingesetzt zu werden. Nichtsdestotrotz kann die Spielfortsetzung  im Zentrum sehr schwierig werden, da du in der Feldmitte sehr wenig Platz hast und von jeder Seite Druck bekommen kannst.

Der enorme Zeit- und Raummangel im Zentrum zwingt dich schnell Lösungen zu finden und den Ball eng am Fuss zu führen. Hast du den Ball nicht voll und ganz unter Kontrolle oder verpasst den richtigen Zeitpunkt für ein Abspiel, wird der Gegnerdruck schnell zu hoch und du verlierst sehr wahrscheinlich den Ball.

Auf hohem Niveau sind aber auch immer wieder Sechser (beispielsweise Sergio Busquets) zu beobachten, die selbst mit wenig Raum und Zeit kaum Probleme haben. Diese defensiven Mittelfeldspieler können den Ball problemlos gegen mehrere Spieler behaupten und auch unter hohem Druck die Ruhe bewahren – Sechser mit diesen Fähigkeiten werden als pressingresistente Spieler bezeichnet.

Damit du selbst eine gute Pressingresistenz entwickelst und den Ball auch unter hohen Druck behaupten kannst, brauchst du vor allem 3 Fähigkeiten – eine herausragende Ballkontrolle, eine gute Übersicht sowie eine exzellente Vororientierung.

Ballkontrolle und Übersicht

Als Sechser kannst du von vorne, von der Seite und auch von hinten Druck bekommen - quasi aus jeder Richtung. Selbst, wenn du den ersten Gegenspieler aussteigen lässt, wird bereits der Zweite vor dir stehen. Falls du auch noch diesen Gegenspieler umdribbelst, wird der Druck in aller Regel zu gross, da dich mittlerweile Gegner Nummer drei und vier attackieren.

Du musst als Sechser also schnell auf viele, neue Gefahren reagieren können und den Ball zügig aus dem Druck herrausspielen – im Idealfall nach vorne und in einen freien Raum. Um diese Herausforderungen als Sechser bestehen zu können, musst du...

  • ...den Ball eng am Fuss führen können und stets die Kontrolle über das Spielgerät haben. Eine sichere und enge Ballführung hilft dir den Ball im dichten Zentrum zu behaupten und schnellstmöglich auf Gegenspieler reagieren zu können. Zusätzlich kannst du den Ball zügig abspielen, falls sich eine Anspielstation in der Tiefe ergibt. Hast den Ball zu weit vorgelegt, ist der freie Spieler womöglich wieder im Deckungsschatten eines Gegenspieler verschwunden.
  • ...beim Dribbling den Blick regelmässig vom Ball lösen und so die Übersicht bewahren. Nur so kannst du Anspielstationen erkennen und den Ball zügig wieder aus dem Druck herausspielen. Andernfalls brauchst du zu lange, um einen freien Mitspieler zu finden und du verlierst den Ball aufgrund des steigenden Gegnerdrucks.
  • ...trickreich dribbeln können. Im Zentrum benötigst du keine komplexen Finten. Es ist auch oftmals nicht dein Ziel den Gegenspieler mit einer Finte hinter dir zu lassen. Viel häufiger geht es beim Einsatz von Finten nur um das kurze Öffnen von Pass- oder Dribbelwegen. Dabei sind besonders Pass- oder Körperfinten effektiv. Verbinde den 1. Kontakt beispielsweise mit einem Ausfallschritt oder einer Passfinte in Richtung des Passgebers und nimm den Ball dann zur anderen Seite mit.
  • ...den Ball beidfüssig führen können. Der Ball lässt sich am leichtesten gegen einen Gegenspieler behaupten, wenn du diesen mit dem gegnerfernen Fuss führst. Dadurch kannst du deinen Körper immer zwischen dem Ball und deinem Gegenspieler halten. Ein guter „schwacher“ Fuss wird dir helfen den Ball immer abschirmen zu können, egal von welcher Seite dein Gegenspieler kommt.
Aus diesem Grund solltest du unbedingt an deiner Beidfüssigkeit arbeiten:

Vororientierung

Die Anforderung an die Dribbelfähigkeiten eines Sechsers sind vielseitig und hoch. Doch selbst wenn du ein starke Ballführung hast, musst du diese auch effektiv für dich nutzen können.

Dabei hilf es dir, wenn du das Spielgeschehen um dich herum genau kennst - dein Blick wandert immer wieder vom Ball in die Tiefe und zurück. Dies verschafft dir einen genauen und aktuellen Überblick über das Spielfeld. Dadurch weisst du bereits vor dem Erhalten des Balles, wohin du diesen als nächstes spielst.

Wenn du dann angespielt wirst, musst du nicht lange überlegen. Du kannst deine Fähigkeiten im Dribbling nutzen, um das Abspiel zu deinem freien Mitspieler zügig und zielgerichtet durchzuführen.

Das Training im Soccerbot360 dient als Übung um eine extrem gute Vororientierung zu bekommen. Das ganze kann jedoch auch mit 1-2 Trainingspartnern oder einer einfachen Wand durchgeführt werden:

 

 

Zum Autor:

Luis Österlein (Twitter: LOsterlein) ist Spielanalyst bei der U23 des FC Bayern München und freier Autor. In enger Zusammenarbeit mit 360Football schreibt er spezifische Blogposts, die Spieler:innen bei ihrer fussballerischen Entwicklung unterstützen.




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